Aufbruch zur letzten Meile

Im Zuge der explosionsartigen Vermehrung des Onlinehandels haben Lärm- und Schadstoffbelastungen stark zugenommen. Das wollen die Städte nicht länger hinnehmen. Wirksame Konzepte zur Entlastung der Innenstädte müssen her.

Stau in den Städten, Verkehrsbehinderung durch Parken in der zweiten Reihe – und der Dieseldunst stinkt vielen Bürgern sowieso. In Deutschland werden jährlich rund drei Milliarden Paketsendungen umgeschlagen. Die Lieferwagen der Paketdienste sind vielfach schon jetzt ein Problem. In einigen Jahren werden sie es mit Sicherheit sein: Schließlich soll laut der Unternehmensberatung McKinsey die Zahl der Lieferungen auf fünf Milliarden Sendungen ansteigen.

Das bleibt nicht folgenlos für Umwelt und Verkehr: Laut Bundesumweltministerium sind die Lieferwagen der Paketdienste für ein Fünftel der Verkehrsemissionen verantwortlich. Die Problemzone Nummer eins, um das vermehrte Paketgeschäft effizient, umwelt- und stadtverträglich zu bewältigen, ist die sogenannte letzte Meile. Auf der Schlussetappe der Zustellung in der City verdichten sich Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Verkehr und Versorgung aufgrund der begrenzten Flächenkapazitäten oft genug zu einer unwirtlichen Gemengelage, in der es eng, laut und schmutzig zugeht.

E-Autos sind da nur ein Teil der Lösung. Sie sind zwar sauber und leise unterwegs, brauchen aber immer noch Raum zum Fahren, Halten und Parken. Drängender denn je stellt sich die Frage nach ebenso nachhaltig wie ökonomisch darstellbaren Alternativen zum hinlänglich bekannten Lieferwagen. Das weiß auch die Branche – die intensiv an anderen Lösungen und künftigen Entwicklungen arbeitet.

Zustellung mit Robotern und Drohnen

DHL und Hermes haben etwa die Zustellung mit autonomen Lieferrobotern getestet. Auch die Daimler AG ist in den unbemannten Paketversand involviert. Gemeinsam mit den Partnern Matternet und Siroop.ch führte man im Herbst 2017 ein Drohnen-Pilotprojekt im urbanen Gebiet von Zürich durch. Sieht so die Zustellung der Zukunft aus? Vielleicht.

Für die Gegenwart winkt Roger Hillen-Pasedag zunächst ab – der Bereichsleiter Strategy, Innovation & CR bei Hermes Germany zieht aus der Testphase des Hermes Starship-Roboters folgendes Resümee: „Der Test mit den Starship-Robotern hat gezeigt, dass der Nutzen für den Endkunden noch zu gering ist, um einen solchen Service als alternative Zustellform regelmäßig zu nutzen.“

Die Branche Kurier, Express, Paket (KEP) probiert auch, mittels neuer Übergabeplätze die Zustellung neu zu organisieren. So wird derzeit etwa die Anlieferung direkt in den Kofferraum von öffentlich erreichbaren Pkw der Empfänger erprobt. Bereits vielerorts im Einsatz sind abschließbare Paketboxen, wo die Lieferung hinterlegt wird und der Kunde sie abholt. Beide alternativen Verfahren der Zustellung sind aber noch nicht geeignet, das enorme Transportaufkommen in dicht besiedelten Gebieten abzuarbeiten.

Im Micro-Hub aufs Cargo-Bike

Die aktuell vielversprechendste Lösung, das große Sendungsvolumen auf der letzten Meile nachhaltig zu bewältigen, ist die Verbindung von Lastenrad und Micro-Hub, auch City-Hub oder Micro-Depot genannt. Damit sind Container, abgestellte Nutzfahrzeuge oder kleinere Flächen in unmittelbarer Nähe eines Gebietes mit großer Verkehrs- und Bevölkerungsdichte gemeint. Sie werden von den Paketdienstleistern per Lkw beliefert. Dann wird auf Lastenfahrräder oder Sackkarren umgeladen und leise, sauber, klimafreundlich an die Empfänger ausgeliefert.

Am derzeit größten Micro-Hub-Pilotprojekt mit dem Namens-Ungetüm „Kooperative Nutzung von Micro-Depots durch die Kurier-, Express-, Paket-Branche für den nachhaltigen Einsatz von Lastenrädern in Berlin“ (Kürzel: KoMoDo) beteiligen sich mit DHL, DPD, GLS, Hermes und UPS die fünf Großen ihrer Zunft. Für den Modellversuch, der am 1. Juni 2018 gestartet ist, stellt die Stadt eine Fläche von 750 Quadratmetern zur Errichtung des Micro-Depots zur Verfügung. Auf dem Gelände sind fünf von jedem Unternehmen in kompletter Eigenverantwortung verwaltete Container – jeder mit 14 Quadratmetern Stellfläche – und insgesamt zwölf Lastenräder stationiert. Jedes Unternehmen organisiert seinen Zustellungsservice selbst. Je nach Lieferdienst kann ein Lastenrad in einem Umkreis von drei bis fünf Kilometern eingesetzt werden. 800.000 Menschen sind im Fünf-Kilometer-Umkreis um das Micro-Depot erreichbar.

Der Umstand, so viele Haushalte auf kleinem Raum per Cargo-Bike anfahren zu können, ist offenbar noch kein Garant für ein gewinnbringendes Geschäft. Bei UPS ist man insbesondere in dieser Hinsicht auf die Resultate aus dem Langzeitversuch gespannt: „Wir wollen hier auch testen, ob diese Art der Logistik zu wettbewerbsfähigen Kosten möglich ist“, sagte UPS-Sprecher Lars Purkarthofer zum Start von KoMoDo.

Eine Batterieladung für 80 Pakete

Für seinen im Frühjahr 2017 in Nürnberg gestarteten Modellversuch mit Micro-Hub und Lastenrad zog DPD nach einjähriger Testphase eine positive Bilanz. Bei dem DPD-Micro-Depoot handelt es sich um eine 130 Quadratmeter große Gewerbefläche in der Nürnberger Südstadt. Dort werden jeden Morgen die Pakete für die Lastenrad-Touren per Transporter angeliefert und anschließend auf die Räder verteilt. Hierbei kommen E-Cargo-Bikes zum Einsatz. Eine Batterieladung bringt sie bis zu 30 Kilometer weit. Sie haben 1,45-Kubikmeter Laderaum, was für circa 80 Pakete reicht.

Der Einsatz von fünf elektrisch unterstützten Lastenrädern habe fünf herkömmliche Transporter nahezu vollständig ersetzt, vermeldet DPD. Torsten Mendel, Niederlassungsleiter von DPD in Nürnberg, räumt aber ein: „Ganz ohne herkömmliche Fahrzeuge geht es jedoch noch nicht. Die gewohnten Transporter benötigen wir nicht nur für die Versorgung unseres Micro-Depots, sondern auch für die Belieferung größerer gewerblicher Empfänger in der Innenstadt.“

Im Vergleich zu konventionellen Lie­ferwagen haben Lastenräder in der kleinteiligen Paketzustellung einige Vorteile. Sie sind in der City wendiger und oftmals sogar schneller unterwegs, können auf Radwegen an Staus vorbeifahren und teilweise Strecken befahren, die für Autos tabu sind. Die Parkplatzsuche ist einfacher. Weil Lastenräder oft direkt bis vor die Haustür fahren können, reduzieren sich Zustellwege. Hohe Zuladung, wenig Lärm, null Abgase sowie ein umweltfreundliches Image sind weitere Argumente pro Cargo-Bike. „In der verkehrsintensiven Innenstadt hat sich das Lastenrad zur echten Alternative für das herkömmliche Zustellfahrzeug entwickelt”, freut sich Gerd Seber, Group Manager Sustainability & Innovation bei DPD Deutschland über die funktionierende Verbindung von Micro-Depot und Lastenfahrrad. „Angesichts von drohenden Zufahrtsbeschränkungen wird die Entwicklung solcher nachhaltigen City-Logistik-Lösungen immer wichtiger“, erwartet der DPD-Manager. Keine Frage: Im Micro-Hub-Konzept steckt viel Potenzial. Um es aber vollends nutzen zu können, müssen noch einige Hürden überwunden werden. 

» Die Entwicklung von nachhaltigen City-Logistik-Lösungen wird immer wichtiger. « Gerd Seber, DPD Deutschland

So sind geeignete Flächen in ausreichender Zahl erforderlich, um Platz für Container sowie Raum für Anlieferung und Parkflächen der Cargo-Bikes zu haben. Aus Gründen der Flexibilität der Liefergebiete sowie der Sicherstellung einer langfristigen Nutzungsdauer kommen eher kommunale als privatwirtschaftliche Flächen infrage. Werden die Städte diese Flächen im Innenstadtbereich angesichts der Nutzungskonflikte in der benötigten Menge bereitstellen können? Schließlich werden sie auch dringend gebraucht für Parkplätze sowie als Wohn- und Erholungsraum.  

PAKETZUSTELLUNG 4.0

Eine Studie der Frankfurt University of Applied Sciences (UAS) aus dem Jahr 2017 formuliert Handlungsempfehlungen für mögliche Belieferungsstrategien, die sich nach den Stadtteiltypen richten. Für den Stadtteiltyp City etwa empfehlen die Wissenschaftler eine zweistufige Distribution. Demnach soll die erste Distributionsstufe mittels Diesel- und E-Fahrzeug abgeleistet werden, die zweite mit dem Cargo-Bike:

Stadtteiltyp             Anzahl an Distributionsstufen     Belieferungsstrategie 

City                          2-stufig                                             E-Nutzfahrzeug - Micro-Depot - Cargo-Bike Mischgebiet             2-stufig                                             E-Nutzfahrzeug - Micro-Depot - Cargo-Bike Wohnen                   1-stufig                                             E-Nutzfahrzeug / Diesel-Nutzfahrzeug
Gewerbe                  1-stufig                                             E-Nutzfahrzeug / Diesel-Nutzfahrzeug
Industrie                   1-stufig                                             Diesel-Nutzfahrzeug / E-Nutzfahrzeug

Wunschdenken: Einer für alle

Für DPD stellt die Suche nach geeigneten (und bezahlbaren) Flächen für Micro-Hubs die größte Herausforderung beim Einsatz von Lastenrädern dar. „Der Raum in Städten ist begehrt und wird immer knapper. Wir appellieren daher an Städte und Kommunen, noch stärker mit den Paketdiensten zusammenzuarbeiten, um alternative Zustellkonzepte langfristig zu etablieren“, sagt DPD-Mann Seber.

Die bisherigen Micro-Hub-Modellversuche haben eines gemein: Die Dienstleistung ist stets fest mit einem bestimmten Transportunternehmen verbandelt. Die Lieferketten der Unternehmen blieben bislang strikt getrennt. Das City-Hub-Konzept wäre aber wohl – auch im Sinne eines stadtverträglichen Lieferverkehrs – effizienter, wenn die wenigen zur Verfügung stehenden City-Hub-Flächen von allen KEP-Dienstleistern gemeinsam genutzt werden könnten.

Das würde auch verhindern, dass kleinere, lokale Lieferdienste benachteiligt werden. Außerdem wäre sonst wohl ein Wirrwarr von unternehmenseigenen Micro-Hubs in der City zu befürchten, was kaum zur Verschönerung des Innenstadtbildes beitragen dürfte.

Quelle: Creditreform Magazin
Text: Mathias Ebeling

© 2018 Creditreform Hannover-Celle Bissel KG

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