Kredit aus dem Web

Unternehmer wollen ihre Finanzierung auf mehrere Geldgeber verteilen – um sich mehr Unabhängigkeit zu verschaffen. Kredite über das Internet stehen bei ihnen hoch im Kurs. Welche Vor- und Nachteile das Crowdlending bietet.

Wulf Schlichte sammelte im März 2014 über die Onlineplattform Zencap einen Kredit in Höhe von 50.000 Euro ein – von privaten Geldgebern. „Das war für mich eigentlich nur ein Test, ob das klappen kann“, erklärt er. Schlichte ist Inhaber der Espressobar-Kette Galestro mit inzwischen acht Filialen in Nordrhein-Westfalen. Das Kapital brauchte er für die Eröffnung des neuen Standorts in Aachen. Die Laufzeit des Darlehens beträgt drei Jahre bei einem Zinssatz von rund sieben Prozent. „Das ist zwar teurer als über die Bank, aber ohne zusätzliche Stellung von Sicherheiten und mit viel weniger Bürokratie verbunden“, so Schlichte.

Zuvor legte der Unternehmer bei Zencap seine Jahresabschlüsse der vergangenen drei Jahre sowie die aktuellen betriebswirtschaftlichen Auswertungen vor. Das war’s. Die Experten des Internetportals prüften innerhalb von wenigen Tagen seine Bonität und legten den Zinssatz fest. Nach etwa drei Wochen war das Geld auf seinem Konto. „Es hat richtig Spaß gemacht, jeden Tag zu verfolgen, wie viel mehr Anleger sich für uns entschieden und unserem Geschäftsmodell Vertrauen geschenkt haben“, erinnert sich Schlichte.

Das Interesse an Krediten über das Web wächst derzeit enorm – und zwar aufseiten der Anleger wie auch der Unternehmer. Sie zielen prinzipiell darauf ab, viele Kleininvestoren über das Internet für ein spezielles Projekt zu gewinnen. „Der Markt ist aktuell in Bewegung. Die Plattformen sind dabei, sich langfristig zu etablieren“, sagt auch Steffen Doberstein, auf Crowdfinanzierung spezialisierter Unternehmensberater aus Berlin. Beim sogenannten Crowdlending erhalten Investoren während einer festgelegten Laufzeit jeden Monat Zins und Tilgung in Form einer Annuität zurück. Bei Kreditnehmern wie Firmenchef Schlichte wird der jeweilige Betrag einfach vom Konto eingezogen.

Mehr über Finanzierungsquellen aus dem Internet erfahren Sie in der Creditreform-App oder unter www.creditreform-magazin.de/crowdfunding

 

Crowdlending ist damit eine neue Alternative zur klassischen Kreditfinanzierung per Geldinstitut. „Wir erkennen, dass sich viele Mittelständler mehr Unabhängigkeit von ihrer Hausbank verschaffen wollen und deshalb zu uns kommen“, sagt Christian Grobe, Mitbegründer und Geschäftsführer der Plattform Zencap. Seine Internetseite ist erst seit einem guten halben Jahr aktiv. In dieser Zeit wurden aber bereits rund 70 Projekte finanziert mit einem Gesamtvolumen von rund 3,5 Millionen Euro. „95 Prozent der Projekte, die auf unsere Plattform gelangen, sind erfolgreich“, bekundet der Zencap-Geschäftsführer und gibt Details preis: Bei einem Kreditvolumen von unter 25.000 Euro haben die Unternehmer oft innerhalb von rund fünf Tagen ihr Geld bei den Investoren eingesammelt, darüber hinaus zumeist innerhalb von zwei Wochen.

Unternehmer, die über Zencap eine Finanzierung erhalten wollen, gehen folgendermaßen vor: Sie müssen seit mindestens zwei Jahren am Markt aktiv sein, nach HGB bilanzieren und einen Gesamtumsatz von mehr als 100.000 Euro erzielen. Die Kreditangebote reichen von 10.000 Euro bis 150.000 Euro für ein Projekt. Zumeist bewegt sich der Kapitalbedarf der Unternehmen im Bereich zwischen 50.000 Euro und 60.000 Euro. Im ersten Schritt übergibt der Firmenchef Zencap die letzten drei Jahresabschlüsse sowie die aktuellen betriebswirtschaftlichen Auswertungen. „Das geht ganz einfach online“, so Grobe.

Schnelle Entscheidung

Innerhalb von 48 Stunden erfährt der Unternehmer dann, ob sein Antrag angenommen wird. „Wir lehnen allerdings rund 75 Prozent der Anfragen ab, weil die Bonität der Selbstständigen und Unternehmer nicht unseren Auswahlkriterien entspricht“, so Grobe. Die Plattform erstellt nämlich ein Rating auf Grundlage der eingereichten Unterlagen und von Informationen der Auskunfteien wie Creditreform. Abhängig davon legen die Zencap-Kreditanalysten den Zinssatz fest. Dieser bewegt sich bei 3,99 Prozent für Firmen mit einer guten Bonitätseinschätzung und reicht bis über 15 Prozent bei schlechter Kreditwürdigkeit. Ein Pluspunkt für den Unternehmer: Nur bei erfolgreicher Finanzierung werden für ihn Gebühren fällig. Sie sind abhängig von der Laufzeit und starten bei einem Prozent der Kreditsumme. Übrigens werden auch regelmäßig Antragsteller abgelehnt, die starke Negativmerkmale in den Datenbanken von Auskunfteien aufweisen oder ein zu geringes Einkommen haben, um die Rückzahlung zu gewährleisten. Auch komplizierte Firmengeflechte können ein Ablehnungsgrund sein.

» Wir lehnen rund 75 Prozent der Anfragen ab, weil die Bonität der Selbstständigen und Unternehmer nicht unseren Auswahlkriterien entspricht. « Christian Grobe, Zencap

 

Für den Kredit selbst wird eine Bürgschaft fällig. Das heißt, der Firmeninhaber bürgt – unabhängig von der Rechtsform – mit seinem privaten Vermögen. Von Vorteil: Eine Ablösung des Darlehens ist jederzeit ohne Vorfälligkeitsentschädigung möglich. Sollte ein Unternehmer Zins und Tilgung nicht leisten können, agiert Zencap ganz im Sinne der Anleger. „Wir leiten dann einen Inkasso- und Mahnprozess ein“, so Grobe. Ein solcher Fall ist allerdings bisher noch nicht vorgekommen.

Einen etwas anderen Ansatz wählt dagegen das Webportal Auxmoney, das bereits seit sieben Jahren online aktiv ist. Hier werden nur private Antragsteller angenommen. Das heißt: Der Unternehmer haftet als Privatmann, kann den Kredit – maximal 25.000 Euro – aber für die Weiterentwicklung seiner Firma nutzen. Wie bei Zencap und den meisten anderen Kreditplattformen auch werden bei Auxmoney rund 80 Prozent der Anträge abgelehnt.

Als Sicherheiten nimmt der Portalbetreiber nur Kfz-Briefe an. 36 Prozent der Kreditnehmer sind Freiberufler und Kleingewerbetreibende – zumeist aus der IT-Branche. Aber auch Händler und Handwerker nutzen das Angebot, zum Beispiel um Warenlieferungen oder Materialeinkäufe vorzufinanzieren. „Crowdlending kann für sie günstiger kommen als ein Bankkredit. Denn in der Regel reizen die Unternehmer dafür ihr Kontokorrentlimit aus und zahlen bei einer Überziehung noch einen Zuschlag“, so Berater Doberstein.

Transparenz gefragt

Zwar werden bei Auxmoney keinerlei Angaben zur Firma verlangt – weder Geschäftszahlen noch ein Businessplan. Freiwillige Angaben erhöhen aber die Chance, angenommen zu werden. Und auch hier wird die Kreditwürdigkeit geprüft. „Wir nutzen ein ausgefeiltes System, das komplexer ist als bei den Banken“, sagt Philip Kamp, Geschäftsführer von Auxmoney. Das Rating der Plattform basiert auf den Daten von Auskunfteien sowie auf Verhaltensdaten des Antragstellers. Zum Beispiel achten die Experten auf Rechtschreibfehler und korrelieren den Kreditbetrag mit dem Verwendungszweck.

Im Schnitt liegen die Zinssätze zwischen sechs und sieben Prozent pro Jahr, bei guter Bonität weit darunter: „Natürlich können solche Kunden auch ein Darlehen bei der Bank bekommen, aber wir bieten die Finanzierung zinsgünstiger und unbürokratischer an“, meint Kamp und muss jedoch einräumen: Schon bei mittlerer Bonität wird es für den Unternehmer in der Regel vergleichsweise teurer. „Bei schlechter Kreditwürdigkeit sind wir für viele Unternehmer eine der wenigen Möglichkeiten, überhaupt noch an frisches Kapital zu kommen“, so Kamp.

„Ich konnte mich jederzeit informieren“

Trudel Lerch, Inhaberin einer Internetmarketing- Agentur hat damit kein Problem. Für den Ausbau ihrer Plattform Marktfind.com brauchte sie einen vierstelligen Betrag. In Kooperation mit einem Unternehmensberater erstellte sie einen Businessplan. „Wir haben im Internet recherchiert und sind auf Auxmoney gestoßen“, erinnert sich Lerch. Drei Wochen nach Einstellung des Projekts war das Geld auf ihrem Konto. „Ich konnte mich jederzeit über den Stand der Dinge informieren und die Fragen der Anleger bequem über die Plattform beantworten“, so Lerch.

Dieses Beispiel zeigt, wie einfach die Kreditaufnahme laufen kann. Wer an einem Onlinekredit interessiert ist, sollte allerdings genau vergleichen. Das Prinzip ist zwar immer ähnlich. Doch die Zielgruppen und die Konditionen unterscheiden sich immens. Die Unabhängigkeit von der Bank wird mitunter teuer erkauft. Auch Unternehmer Wulf Schlichte ist sich der Risiken bewusst – und plant, für die 2015 anstehende Galestro-Neueröffnung in Limburg wieder einen Finanzierungsdurchlauf zu starten.

 

CROWDLENDING – DIESE ASPEKTE SOLLTEN SIE ABWÄGEN

Unternehmensberater Steffen Doberstein erläutert die Vor- und Nachteile der Kreditaufnahme über das Netz.

Die Pluspunkte:

Bürokratie. Die Antragstellung ist unbürokratisch und damit schneller als beim Darlehen über die Bank. Eine kurze Beschreibung, wofür das Geld gebraucht wird, genügt  meist. In der Regel hat der Unternehmer innerhalb von drei Wochen sein Geld auf dem Konto. Teure Marketingaktivitäten sind nicht erforderlich.

Marketing. Der Unternehmer kann die Plattform nutzen, um sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren und damit seinen Bekanntheitsgrad zu steigern.

Unabhängigkeit. Auch Darlehensnehmer, die von der Bank kein Geld bekommen, haben eine Chance. Eine weitere Geldquelle sorgt zudem für mehr Flexibilität bei anstehenden Investitionen und Liquiditätsengpässen.

Die Minuspunkte:

Preis. Die Zinssätze sind höher als bei Förderkrediten, eventuell auch als beim Bankkredit.

Laufzeit. Diese beginnt teilweise schon bei einem halben Jahr. Entsprechend schnell ist der Kredit zurückzuzahlen. Das erfordert allerdings auch eine entsprechende Portion Disziplin bei der Kassenplanung.

Tilgung. Es gibt keine tilgungsfreien Zeiten. Die Annuität ist ab dem ersten Monat zu zahlen. Anders als mit der Bank hat der Unternehmer keine Möglichkeit, Liquiditätsengpässe zu überbrücken und mit den Geldgebern zu verhandeln.

Betreuung. Je nach Plattform kann es sein, dass man täglich Anfragen von Anlegern beantworten muss – das kostet Zeit.

Text: Eva Neuthinger

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